LIBERTY MUSIC

Ich führe Henriksen Jazz Amps seit 16 Jahren und habe in dieser Zeit eine interessante Entwicklung miterlebt. Ich habe noch den „alten“ Bud Henriksen kennengelernt (ja, die „Buds“ sind eine Reminiszenz an den ursprünglichen Entwickler). Der erste „Henriksen Amp“ war als Bassverstärker, insbesondere für Kontrabass, gedacht. Dafür war ein 12-Zoll-Eminence-Beta-Lautsprecher die richtige Wahl. Einen Hochtöner und Reverb gab es am Anfang noch nicht. Dann merkten die Jazzgitarristen, dass dies ein wunderbarer Amp für Jazz ist. Für sie war entscheidend, dass er einen warmen Ton erzeugte, wie man ihn bisher nur von Röhrenverstärkern kannte – und das bereits bei Schlafzimmerlautstärke. Logischerweise kam dann bald ein 10″-Amp dazu, kurze Zeit später ein Reverb und ein Tweeter. Anfangs waren diese noch wahlweise bestellbar.

2009 gab es für uns in Europa Probleme. Henriksen hatte das Layout der Platine geändert, sodass die Verstärker in Europa unter den Bedingungen von 230 Volt und 50 Hertz vernehmlich gebrummt haben. Für Jazzer ein Unding. Zusammen mit Günther Christ von der Soundclinic in Ingelheim haben wir eine Lösung gefunden und den Verstärkern einen stärkeren Ringkerntrafo spendiert. Die Trafos musste ich extra in den Niederlanden für viel Geld fertigen lassen. Aber so konnte ich meinen Kunden weiterhin gute Jazz-Verstärker anbieten. Die Verstärker aus dieser Zeit hatten den zusätzlichen Modellnamen „Liberty Version”.

Nach dem Tod von Bud Henriksen hat sein Sohn Peter das Geschäft übernommen und mich später gebeten, die Schaltung der „Liberty Version” in die Hauptserie übernehmen zu dürfen. Seitdem bin ich „Exclusive Dealer“.

Peter Henriksen blieb nicht untätig und entwickelte die Modelle weiter. Die nächste Generation der Henriksen Jazz Amps – die Modelle 210 und 212 – wurde noch ausgewogener und vielseitiger. Insbesondere waren sie nun auch für Akustikgitarren einsetzbar. Vor allem aber kam der „Bud“, ein kleiner Würfel mit einer Kantenlänge von nur 22 cm, mit zwei Kanälen. Beim ersten Anspielen war ich total überrascht, wie viel Wumms der Kleine hat. Technischer Hintergrund: Der Magnet des verwendeten 6,5″-Eminence-Lautsprechers ist genauso groß wie die Magnete der 10″- und 12″-Lautsprecher. Der „Bud“ wurde schnell mein meistverkauftes Modell. Mit dem Gigbag ist er extrem gut zu transportieren, vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Klang ist gegenüber dem 10″-Modell etwas komprimierter und mittiger. Dass der 10″-Lautsprecher etwas brillanter klingt, merkt man aber nur im direkten Vergleich. Die größte Neuerung waren jedoch die zwei unabhängig voneinander arbeitenden Kanäle. Jeder Kanal verfügt über einen 5-Band-EQ und fünf parallele Vorstufen, mit denen sich der Ton wirklich soundgerecht modellieren lässt.

Mittlerweile sind wir bei der dritten Generation angelangt. Zunächst als 310 und 312 bezeichnet, wurden sie bald darauf nochmals weiterentwickelt. Es entstanden der Blu SIX, der Bud SIX, der Blu TEN, der Bud TEN und der Bud HEAD. Die Schaltung der „Blu“-Modelle ist etwas einfacher. Es fehlt der Gain-Poti und der 5-Band-EQ ist etwas anders gespreizt. Allen Modellen gemeinsam ist die neue Spannungsversorgung über ein digitales Netzteil. Ich war anfangs skeptisch, doch nach einem ausgiebigen Vergleichstest kann ich sagen, dass ihnen weder Leistung noch Dynamik gegenüber den alten analogen Trafos fehlen. Die Amps sind nur deutlich leichter.

Transistorverstärker können sehr einfach aufgebaut sein – so wie wir sie meist kennen. Die Transistortechnik kann aber auch das Gegenteil, unter Vermeidung der technischen Einschränkungen durch Röhren. Henriksen-Verstärker sind sehr komplex konstruiert. Dazu kommt die hohe Qualität der ausgesuchten Transistoren. Allein das führt schon dazu, dass keine Abwärme erzeugt wird und deshalb keine Lüfter notwendig sind. Hinter dem 5-Band-EQ befinden sich beispielsweise fünf parallele Vorverstärker, die den Klang nicht nur reduzieren, sondern auch aktiv verstärken können usw.

„Man muss Henriksen Verstärker einmal selbst gehört haben“

Eigentlich konnten Henriksen Amps das von Anfang an, es hat nur etwas gedauert, bis wir es gemerkt haben: Henriksen Amps sind die idealen Verstärker hinter allen Arten von Multi-Effektgeräten, Amps und Cabinet-Simulatoren, kurz Sound-Prozessoren für Gitarren. Die technische Entwicklung hat dazu geführt, dass am Ende der Soundkette nicht mehr die üblich-verdächtigen Röhren-Verstärker mit starkem Eigensound stehen, sondern neutrale „Wiedergabe-Geräte“, angepriesen als „die“ FRFR, full range, flat response Lösung. Letztlich sind das nichts anderes als aktive PA-Boxen im Combo-Look: voller Frequenzbereich mit linearem Frequenzgang. Aber irgendwie halt neutral, HIFI-mäßig, ohne die gewohnte Response. Dieses ungeliebte Gefühl wird fälschlicherweise den Prozessoren angelastet. Meiner Meinung nach ist das falsch. Am Ende der Kette darf für einen Gitarristen keine Einheit mit PA-Lautsprechern stehen, sondern neutral klingende Verstärker vor neutral klingenden Gitarrenlautsprechern. Aber eben Gitarrenlautsprecher und keine PA-Lautsprecher. Mein Freund Jörg nennt das ARGR – Amp-Range, Guitaristic-Response.

„Man muss Henriksen Verstärker einmal selbst gehört haben – zum Beispiel hinter einem Line 6 Helix“. Bei mir im Laden ist das möglich